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ZUR ENTWICKLUNG DER WISCONSINISCHEN KIRCHEN- UND AMTSLEHRE

 

Reflektionen zu einem Artikel von Edward C. Fredrich

                                                

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In der gegenwärtigen Auseinandersetzung zur Lehre von Kirche und Amt bewegt die Gemüter u.a. die Frage, wie unsere Kirchen  historisch  zu  diesem Problem standen. Gewiß ist der  Standpunkt der Väter  allein kein Garant für Rechtgläubigkeit. Darin  sind  sich alle  Seiten einig. Dennoch erscheint es nicht unwichtig, ob man die  eigene theologische Überzeugung in der Lehrtradition  seiner Kirche  gehen kann. Schließlich genießen die Vater den guten  Ruf sorgfältiger Schrifttheologen. Die in allen Fragen nötige Forderung nach einem gründlichen Schriftstudium und einer  stringenten Argumentation wird da um so lauter erschallen, wo ihnen  decidiert widersprechen werden soll.

Daher haben wir uns entschlossen, mit dieser Arbeit die  historische Entwicklung ein wenig aufzuarbeiten. Ehrlicherweise müssen wir  von vornherein eingestehen, nur in geringem Umfang  eigene Studien angestellt zu haben. Vielmehr gründen wir uns wesentlich auf einen Artikel von Edward C. Fredrich - ,,The Scriptural  Basis And Historical Development 0f WELS Doctrine 0f Ministry”.  Dieser Artikel  war ursprünglich wohl als Referat für  das  Northwestern College ausgearbeitet worden und wurde dann ins sogenannte  ,,WELS Ministry Compendium" (Bd.II, S.763ff) aufgenommen.  Alle  Zitate und Übersetzungen stammen von da. Hervorhebungen dabei sind jedoch regelmäßig von mir

E.C.  Fredrich war zum Zeitpunkt der Abfassung Pastor  i.R.  der WELS.  Es ist anzunehmen, daß er heute noch lebt.  Seine  Ausarbeitung ist sachlich gehalten und ganz offenbar sorgfältig  recherchiert. Was  es in unseren Augen aber noch wertvoller macht, ist der Umstand, daß Fredrich sich als überzeugter Anhänger der neuwisconsinischen Amtslehre zu erkennen gibt. Er ist von daher vollkommen unverdächtig, die geschichtliche Entwicklung etwa durch die  altmissourische Brille zu sehen und zu entsprechend eingefärbten  Ergebnissen zu kommen.

Zur  Sache: Fredrich unterteilt eingangs die WELS- Geschichte  in fünf Generationen.  1850- 1878, die Gründungsjahre,  seien  von anderen Themen  bestimmt gewesen. Zwischen 1879 und  1907 wären erste Anfragen  aus der kirchlichen Praxis gekommen  (Rolle  der Lehrer, der Cincinnati- Fall). Die Jahre 1908-1936  hätten  eine Abklärung gebracht. Während 1937- 1965 habe die  Auseinandersetzung mit anderen Kirchen stattgefunden. Die letzte Generation (ab 1966)  habe schließlich lange Zeit keine intensiven Studien  dazu getrieben, bis in den letzten Jahren praktische Fragen  (,,Ordination Enlargment") erneut eine Diskussion entfacht hätten.

Nach  einem kurzen Überblick über den gegenwärtigen WELS-  Standpunkt geht Fredrich auf den Beginn der Auseinandersetzungen Mitte des  vorigen Jahrhunderts ein. Er skizziert kurz die damals  vertretenen Standpunkte (Löhe, Höfling, Grabau, Walther).  Innerhalb der alten Synodalkonferenz seien schließlich in den späten  siebziger Jahren Diskussionen um die Rolle der  Lehrer  aufgekommen. Diese Diskussionen  seien ,,nötig geworden, da die  Ansicht  vorherrschte,  daß das Pfarramt die einzige von  Gott  eingerichtete Form des Amtes wäre." (Compendium, S. 772)

Für das Amt der Lehrer habe es damals zwei Herleitungen  gegeben. Die einen hätten es als Hilfsamt des Pastors gesehen. Andere wiederum hätten  es vom christlichen Erziehungsauftrag der  Eltern abgeleitet,  die diese Aufgabe gemeinschaftlich  an den  Lehrer delegierten.

Mitte der achtziger Jahre kam dann J.P. Köhler auf den Plan.  Auf einer  Konferenz in Manitowoc behauptete er öffentlich,  das  Amt der  Lehrer  habe an sich den Charakter göttlicher  Institution. Diese Ansicht vertrat er auch auf zwei WELS- Zusammenkünften   im Jahre 1692. Er widersprach damit den jeweiligen Referenten Edward Hoyer und Prof. Adolf Hoenecke. Fredrich stellt die Meinung Hoeneckes mit folgenden Worten dar (Compendium, S. 774): ,,Er  folgte dem üblichen Gedankengang,  die Berufung des  Lehrers  mit dem Pastor  zu verbinden, der öffentlich Wort und Sakrament  für die Gemeinde verwaltet. Der Lehrer arbeitet auch öffentlich mit dem Wort,  aber  er ist nicht besonders in der Schrift  erwähnt,  und darum  ist sein Amt von dem des Pastors herzuleiten.  Der  Lehrer sollte für sein öffentliches Amt von der Gemeinde berufen werden, aber  er sollte vom Pastor beaufsichtigt werden. In diesem  Sinne ist seine Berufung göttlich."

Köhler  stellte aus dem Publikum heraus diese Ansicht wie gesagt in Frage. Hoenecke hielt sich mit einer abschließenden  Beurteilung zurück und wollte dem neuartigem Denken (,,novel  thinking”!) erst tiefergehendes Studium zugestehen.

Es verging jedoch einige Zeit, während der zumindest nichts  für uns  rekonstruierbares geschah. Feststellen läßt sich  allenfalls der Generationswechsel, der folgenschwer werden sollte. Und  zwar waren inzwischen John Schaller Direktor des Seminars und  August Pieper sowie J.P. Köhler Dozenten daselbst geworden.

Jedenfalls wurde das Thema 1909 auf einer  gemischten  Konferenz der WELS auf den Tisch gebracht. John Schaller als Referent  vertrat bei jener Gelegenheit noch die Ansicht, das Pfarramt sei das einzig von Gott geordnete Amt in der Kirche. Alle anderen  seien Hilfsämter,  vom Pfarramt in christlicher  Freiheit  abgeleitet. ,,Wieder  einmal wurde dieser Position durch J.P. Köhler,  nunmehr ein Seminarkollege, widersprochen." (Compendium S. 775)

Es  folgten weitere Treffen in den Jahren darauf zur selben  Problematik.  Die  Debatte nahm an Hitze  zu.  Berichtet  wird  der Vorwurf, die neue Lehre sei mit einer Preisgabe des  reformatorischen  Erbes gleichzusetzen. Auch die Nachwehen des Cincinnati Falles trugen dazu bei, das Thema in der Diskussion zu halten. Da diese Phase als wirklich entscheidend zu betrachten ist,  lassen wir  Fredrich ein längeres Stück zu Wort kommen  (Compendium  S. 776):  ,,Die Wauwatosa- Lehrer wurden zu einem längeren Studium des Themas Kirche und Amt genötigt. 1912 dann standen die drei Männer vom Seminar Schulter an Schulter und verteidigten die  Ansichten, die Köhler vorgetragen hatte. Es kann kaum Zweifel daran bestehen, daß J.P. Köhler die exegetische Pionierarbeit leistete, die uns schließlich gab, was wir heute festhalten. Er gab Direktor Hoenecke bei beiden Diskussionen 1892 etwas zum Nachdenken. Er brachte bald John Schaller von seiner Auffassung ab,  die er  wie vorhin  beschrieben bei dem Treffen 1909  in  Milwaukee hatte. Nach der Konferenz 1909 in Manitowoc wurde dem  Referenten August Pieper durch Köhler gesagt: „Wenn du meine Exegese  nicht noch mehr gänzlich annimmst, wirst du verlieren.”

Wenn Köhler die Führung beim exegetischen Studium der  Angelegenheit  Kirche und Amt hatte, über1ieß er es doch seinen  Kollegen, besonders  Pieper,  die Artikel zu schreiben,  die  die  Position verteidigten und darlegten.  Fredrich geht nun im folgenden  länger  auf die Artikel ein. Für unsere Rekonstruktion des  historischen  Werdegangs bringt das aber wenig neues. Erwähnenswert  ist allenfalls, daß und unter welchen Bedingungen sich auch ein  Missourier  in  der ,Theol. Quartalsschrift äußerte  (Compendium  5. 779):  ,,Dem Artikel  Die Lehre vom heiligen Predigtamt' in  Quartalsschrift, Juli 1912, von dem Missourier E.R. Kaehler geschrieben,  wäre  keine  Veröffentlichung in  der  Quartalsschrift  von Pieper und Köhler und Schaller gewährt worden, wenn das Geschriebene  nicht  im Einklang mit dem gewesen wäre, worüber  sich  die drei Befürworter der Wauwatosa- Theologie einig waren." (sic!)

Man  kann aus  dieser  Einschätzung Fredrichs sicher  ohne  zu  übertreiben schlußfolgern,  daß Köhler, Pieper und Schaller nicht  allein  am Seminar  das  Sagen hatten, sondern auch Kontrolle über  die  für Wisconsin  so wichtige Quartalsschrift hatten, ja  dieselbe  zur Verbreitung ihrer theologischen Überzeugung einsetzten.

Natürlich  blieb  das ,,neuartige Denken"  nicht  unwidersprochen. Protest wurde vor allem aus dem Kreis der alten  Synodalkonferenz laut,  wie  Fredrich ausführt (Compendium 5. 781):  ,,Während  die Wauwatosa-  Theologen kämpften, um ihre zur  (Wisconsin-)  Synode gehörenden  Brüder  durch Zeitschriftenartikel,  Darlegungen  bei Konferenzen  und Diskussionen unter vier Augen (one on one discussions) für  ihren Standpunkt zu gewinnen, wurden sie gleichzeitig an der  intersynodalen Front  attackiert. Diese Angriffe durch Missouri- Führer wurden meist schon gestartet, noch bevor die Tinte auf den Blättern  der Quartalsschrift  trocken war, die die eben beschriebenen  Artikel enthielten.”

1914, zur Tagung der Synodalkonferenz in Milwaukee, protestierten Franz  Pieper, George Metzger und Ludwig Fuerbringer vom  Seminar in ST. Louis förmlich gegen die Lehre von Kirche und Amt, wie sie in  der Quartalsschrift verbreitet wurde. Weitere  mündliche  und schriftliche  Auseinandersetzungen folgten, ohne daß die  Angelegenheit  ausgeräumt werden konnte. Auch das  hochrangig  besetzte Treffen  in  Thiensville 1932 und die nach ihm  benannten  Thesen brachten  keine Klärung. Im Laufe der dreißiger Jahre kamen  dann weitere Probleme dazu, die das Verhältnis innerhalb der  Synodalkonferenz  trübten. Der letzte Versuch, die Fragen um Kirche  und Amt  zu lösen, bestand in der Berufung des  ,,Interim  Committee”.

Dazu gehörten je drei Missourier und Wisconsiner, ein  ,,Norweger" und  ein „Slowake" . Da dieses Interim Committee seitens der  missourisch  dominierten Synodalkonferenz berufen wurde,  konnte  es geschehen, daß selbst von den Wisconsinern nur einer die  neuwisconsinische  Lehre  vertrat - Pastor Harald  Eckert. Er stellte diese in einem ,,Minority- Report" an die Synodalkonferenz dar. Im Gegensatz  dazu beinhaltete der von sieben der acht  Kommissionsmitglieder  verfaßte  ,,Majority- Report"  die  alte  missourische Position. In der Folge wurde das Interim Committee noch  mehrfach tätig, ohne den Dissens überwinden zu können. Schließlich kam  es zur  Auflösung  der Synodalkonferenz, wobei dafür  andere  Gründe verantwortlich zeichneten.

Was  geschah nach dem Bruch? ,,Als unsere Synode und Gruppen, die sich von der Missouri- Synode zurückzogen, Lehrgespräche  hatten, um  festzustellen ob Einigkeit vorherrschte, waren es  gewöhnlich die seit langer Zeit bestehenden Differenzen über Kirche und Amt, die eine Übereinkunft verhinderten. Die Ausgetretenen  betrachteten sich selbst als Hüter der altmissourischen Position und waren nicht  geneigt, auch nur einen Tüttel preiszugeben.  Diskussionen mit Übersee- Kirchen  die früher mit der Synodalkonferenz in Kirchengemeinschaft gestanden hatten, tendierten dazu, eine ähnliche Wendung zu nehmen." (sic! - Compendium S. 784)

Fredrich  bringt noch einen letzten Abschnitt, in dem er  zu  die Ordination  betreffenden Fragen Stellung nimmt. Dieser  ist  mehr als  Ausblick  gedacht, weshalb wir  ihn  übergehen.  Statt dessen versuchen wir uns in einem kurzen Fazit:

Die  neuwisconsinische Position zu Kirche und Amt - sie sei  biblisch oder nicht - ist im wesentlichen ein „Verdienst” des Kirchengeschichtlers Köhler. Unschwer und ohne einen Anflug von  Polemik lassen  sich von ihm auch direkte Linien zurückverfolgen zu  Höfling (,,Ganz frei und korrekt nach der Schrift stand nur Höfling mit einigen wenigen Genossen.” - Zitat aus J.P. Köhler, „Kirchengeschichte”, §269g/ S. 659, Milwaukee 1917). Die führende Rolle, die Köhler, Pieper und Schaller am Seminar,  also bei  der  Ausbildung des theologischen Nachwuchses, und  bei  der Herausgabe der ,,Quartalsschrift" hatten, verhalf dem   neuartigen Denken" innerhalb der WELS zum Durchbruch.

In den Schwesterkirchen dagegen fand die neue Kirchen- und  Amtslehre wenig Anhänger. Zwar wurden auch hier Stimmen laut, die  in Widerspruch  zur altmissourischen Position traten. Der oben  erwähnte Kaehler und teilweise (nicht bei der Kirchen-, aber bei der Amtslehre) auch Zorn mögen als Beispiele  dafür gelten.  Doch das waren Einzelmeinungen. Wie sonst ist der jahrzehntelange Konflikt zwischen Missouri und Wisconsin zu erklären? In das Reich der Fabel müssen wir es schließlich auch  verweisen, wenn gesagt wird, die neuwisconsinische Lehre sei mit dem  Standpunkt  der Gründerväter von Missouri, Wisconsin und auch  unserer Kirche identisch. Diesbezüglich kann uns der Wisconsiner Fredrich die Augen öffnen.

 

Thomas Voigt, September 1997